BU: Resilienz, KI und Robotik verändern die Logistik: Beim Zukunftskongress Logistik in Dortmund diskutierten mehr als 350 Teilnehmer, wie Lieferketten unter unsicheren Rahmenbedingungen leistungsfähig und handlungsfähig bleiben können. Unter ihnen (von links); Prof. Uwe Clausen, Prof. Alice Kirchheim und Prof. Michael Henke. Foto: Rolf Müller-Wondorf
Resiliente Logistik verlangt ein Umdenken. Jahrzehntelang wurden Lieferketten vor allem auf niedrige Bestände, kurze Durchlaufzeiten und geringe Kosten getrimmt. Doch Pandemie, geopolitische Konflikte, Extremwetter, Rohstoffabhängigkeiten und Störungen wichtiger Transportwege haben gezeigt, wie schnell hochoptimierte Netzwerke an ihre Grenzen geraten. Auf dem Zukunftskongress Logistik, den 44. Dortmunder Gesprächen, rückte deshalb eine Frage in den Mittelpunkt: Wie lässt sich die Leistungsfähigkeit von Lieferketten sichern, wenn Unsicherheit nicht mehr als Ausnahme, sondern als dauerhafte Rahmenbedingung betrachtet werden muss?
Mehr als 350 Teilnehmer diskutierten am 8. und 9. September in den Dortmunder Westfalenhallen unter dem Motto „Sichere Logistik für unsichere Zeiten“. Gesperrte Seewege, geopolitische Konflikte, Klimaereignisse und digitale Abhängigkeiten bildeten dabei den Hintergrund für eine Diskussion, in der klassische Effizienzkriterien um Resilienz und technologische Souveränität erweitert wurden.
Schon zur Eröffnung beschrieb Prof. Uwe Clausen, Institutsleiter am Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik IML, den Zielkonflikt: „Resilienz läuft nur so lange gegen Effizienz, bis der Krisenfall eintritt. Dann ist das resiliente System das effizientere – das muss man bei der Bewertung immer mitdenken.“
In einem ausführlicheren Beitrag zum Kongress formuliert Clausen die Aufgabe noch grundsätzlicher: „Resilienz bedeutet, Störungen zu widerstehen, ihre Auswirkungen zu minimieren und nach einer Unterbrechung möglichst schnell wieder die volle Funktionsfähigkeit zu erreichen.“
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Resiliente Logistik verändert die Kostenrechnung
Damit verschiebt sich eine der Grundannahmen des Supply-Chain-Managements. Ein zusätzlicher Lieferant, größere Sicherheitsbestände oder alternative Transportwege verursachen zunächst Kosten. Im Krisenfall können gerade diese vermeintlichen Ineffizienzen jedoch verhindern, dass Produktionslinien stillstehen.
Unternehmen müssen deshalb zwei Größen gegeneinander rechnen: Die Kosten einer Absicherung und die wirtschaftlichen Folgen eines Lieferausfalls. Resilienz wird damit zu einer betriebswirtschaftlich messbaren Größe. Der günstigste Lieferant muss unter diesen Bedingungen nicht zwangsläufig die wirtschaftlichste Wahl sein. Ebenso kann ein zusätzlicher Lagerbestand, der unter normalen Bedingungen Kapital bindet, bei unterbrochenen Lieferwegen zum entscheidenden Puffer werden.
Das verändert auch die Kriterien im Einkauf. Neben Preis, Qualität und Lieferzeit gewinnen die politische Stabilität von Beschaffungsregionen, die Verfügbarkeit strategischer Rohstoffe und die Verwundbarkeit von Transportkorridoren an Gewicht. Supply-Chain-Management wird damit zunehmend auch Risikomanagement.
Wie eng Geopolitik und Logistik inzwischen miteinander verbunden sind, machte Dr. Heiko Herold vom Institut für Sicherheitspolitik an der Universität Kiel deutlich. Rund 90 % der Mengen des Welthandels werden auf dem Seeweg transportiert. Störungen strategischer Passagen können entsprechend weitreichende Auswirkungen haben. Besondere Risiken entstehen zudem dort, wo Rohstoffe, Vorprodukte oder Verarbeitungskapazitäten geografisch stark konzentriert sind.
KI wird vom Zukunftsthema zum Produktivitätswerkzeug
Parallel zur geopolitischen Neubewertung der Lieferketten verändert künstliche Intelligenz die operative Logistik. Dabei geht es keineswegs nur um autonome Systeme oder komplexe Planungsalgorithmen. Schon vergleichsweise unspektakuläre Anwendungen können erhebliche Auswirkungen haben.
Noch immer werden in logistischen Prozessen Informationen aus Lieferscheinen und anderen Dokumenten manuell erfasst. KI-Systeme können Dokumente erkennen, Datenfelder extrahieren und Informationen strukturiert in nachgelagerte Systeme übertragen. Weitere Anwendungen reichen von Sendungsmengenprognosen über Transportkostenanalysen bis zur Berechnung voraussichtlicher Ankunftszeiten.
Hinzu kommt der demografische Wandel. Wenn erfahrene Mitarbeiter ausscheiden, geht häufig betriebliches Wissen verloren. Digitale Assistenzsysteme können dazu beitragen, dieses Wissen zu strukturieren und für andere Beschäftigte verfügbar zu machen. Das Fraunhofer IML arbeitet beispielsweise an einem intelligenten Fahrerhandbuch, das Informationen mehrsprachig bereitstellen und konkrete Fragen beantworten soll.
Prof. Alice Kirchheim, Institutsleiterin am Fraunhofer IML, warnt jedoch davor, künstliche Intelligenz als universelles Werkzeug zu betrachten. „KI ist kein Hammer“, sagt Kirchheim. Je nach Aufgabe seien unterschiedliche Werkzeuge erforderlich.
Für Unternehmen bedeutet dies, zunächst den Prozess und das konkrete Problem zu analysieren und erst danach die geeignete Technologie auszuwählen. Gleichzeitig spricht das hohe Innovationstempo dagegen, auf eine vermeintlich endgültige KI-Lösung zu warten. Unternehmen müssen Erfahrungen sammeln und Kompetenzen aufbauen, während sich die Technologie weiterentwickelt.

zu betrachten. Foto: Rolf Müller-Wondorf
Technologische Souveränität wird zum Logistikthema
Die Resilienzdebatte endet nicht bei Rohstoffen, Bauteilen und Transportwegen. Digitale Abhängigkeiten können Lieferketten ebenso verwundbar machen. Ein großer Teil leistungsfähiger KI-Modelle, Cloud-Dienste und Recheninfrastrukturen stammt derzeit aus Regionen außerhalb Europas. Für Logistikunternehmen stellt sich deshalb zunehmend die Frage, welche Funktionen auch dann verfügbar bleiben, wenn externe Systeme oder Dienste ausfallen.
Kirchheim fordert vor diesem Hintergrund eine stärkere europäische Position bei KI und autonomen Systemen. „Ein mutiges Europa investiert in die Entwicklung von KI und autonomen Systemen. Offene, einheitliche Standards ermöglichen europäischen Unternehmen und ihren Forschungspartnern, gemeinsam innovative Lösungen zu entwickeln und sich im globalen Wettbewerb zu behaupten“, sagt Prof. Alice Kirchheim.
Technologische Souveränität bedeutet dabei nicht, sämtliche Technologien in Europa neu entwickeln zu müssen. Entscheidend ist vielmehr die Fähigkeit, auch bei veränderten politischen oder wirtschaftlichen Rahmenbedingungen handlungsfähig zu bleiben. Offene Schnittstellen und interoperable Systeme bekommen damit eine strategische Bedeutung, die weit über klassische IT-Fragen hinausgeht.
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Pick-Robotik und FTS: Kombination noch die Ausnahme
Wie weit Automatisierung in der betrieblichen Praxis tatsächlich vorgedrungen ist, zeigt eine auf dem Zukunftskongress vorgestellte Marktstudie des Fraunhofer IML. Untersucht wurde die Verbindung von Pick-Robotik und Fahrerlosen Transportsystemen beim Piece-Picking.
Der Hintergrund ist der weiter steigende Automatisierungsdruck. 2024 wurden in Deutschland rund 4,3 Mrd. Pakete versendet. Für 2029 wird die Marke von 5 Mrd. Paketen erwartet. Damit wächst insbesondere in der personalintensiven Kommissionierung der Bedarf an flexiblen und skalierbaren Automatisierungslösungen.
Die Fraunhofer-Forscher analysierten 33 am Markt verfügbare Pick-Robotik-Lösungen. Die Systeme weisen nach Einschätzung der Studie einen hohen Entwicklungsstand auf, ihre Eignung hängt jedoch stark von Prozessen, Artikelstrukturen und Lagerbedingungen ab. In der begleitenden Befragung von 45 Unternehmen zeigte sich zudem eine deutliche Diskrepanz zwischen technischem Potenzial und tatsächlichem Einsatz.
Mehr als ein Drittel der Befragten nutzt bereits FTS, beispielsweise für Zu- und Abtransporte im Kommissionierbereich. Sieben Unternehmen setzen Pick-Roboter ein, lediglich vier kombinieren beide Technologien. Für die Zukunft plant allerdings mehr als ein Viertel der befragten Unternehmen einen kombinierten Einsatz.
Als Motive nennen die Unternehmen vor allem den Fach- und Hilfskräftemangel, die Entlastung der Beschäftigten und mögliche Kosteneinsparungen. Hemmnisse bleiben Integrationskosten, die Abhängigkeit vom jeweiligen Lagerlayout sowie Sonderfälle und eine hohe Auftragsvarianz. Fachleute aus Forschung und Systemintegration rechnen deshalb derzeit nicht mit einer flächendeckenden Kombination beider Technologien. Chancen sehen sie vielmehr in ausgewählten Anwendungen, darunter die Produktionsversorgung.
Robotik braucht künftig eine eigene Governance
Gerade die Entwicklung der mobilen Robotik zeigt, wie vorsichtig technologische Prognosen zu behandeln sind. Zeitweise galt sie als möglicher Ersatz für große Teile stationärer Fördertechnik. In der Praxis erwiesen sich hohe Roboterdichten, Verkehrsmanagement, Ladezyklen und benötigte Bewegungsflächen jedoch als Faktoren, die einer unbegrenzten Skalierung entgegenstehen.
Mobile Roboter haben sich dennoch etabliert, allerdings häufig als Bestandteil hybrider Systeme. Für die Investitionsplanung bedeutet das: Technologien sollten weder aufgrund eines aktuellen Hypes übernommen noch wegen enttäuschter früher Prognosen unterschätzt werden.
Mit wachsenden Flotten entsteht zudem eine neue organisatorische Herausforderung. Prof. Michael Henke, Institutsleiter am Fraunhofer IML, spricht in diesem Zusammenhang von „Robotic Governance“. Wenn Unternehmen nicht mehr fünf, sondern möglicherweise Hunderte Roboter betreiben, müssen Kapazitäten, Softwarestände, Ersatzteile, Verantwortlichkeiten und Risiken systematisch gesteuert werden. Robotik entwickelt sich damit vom einzelnen Investitionsgut zu einer Ressource, deren Verfügbarkeit und Leistungsfähigkeit ähnlich professionell gemanagt werden muss wie andere zentrale Betriebsmittel.
Offene Systeme für eine neue Logik der Logistik
Henke führt diese Entwicklungen in der vom Fraunhofer IML beschriebenen „neuen Logik der Logistik“ zusammen. Effizienz bleibt darin unverzichtbar, wird aber um Resilienz und Nachhaltigkeit ergänzt. Hinzu kommt die Vorstellung einer offenen Multiagenteninfrastruktur, in der unterschiedliche logistische Ebenen miteinander kommunizieren können, vom Roboter auf dem Shopfloor bis zur Bestandsplanung auf Supply-Chain-Ebene.
Damit rückt auch Kreislaufwirtschaft stärker in den strategischen Zusammenhang. Materialien länger im Kreislauf zu halten, kann nicht nur den Ressourcenverbrauch reduzieren, sondern zugleich internationale Rohstoffabhängigkeiten verringern. Nachhaltigkeit und Resilienz müssen deshalb nicht zwangsläufig gegensätzliche Ziele sein.
Henke sieht die technischen Voraussetzungen dafür bereits weitgehend gegeben. „Wir haben alle technologischen Bausteine, um sichere Logistik in unsicheren Zeiten möglich zu machen – von der KI-gestützten Supply Chain bis zur Drohnentechnologie, von Digitalen Zwillingen bis zur Infrastruktursicherheit. Jetzt ist es unsere gemeinsame Aufgabe, sie konsequent einzusetzen“, sagt Prof. Michael Henke.
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Start-ups suchen Lösungen für konkrete Logistikprobleme
Wie stark sich die technologische Entwicklung inzwischen auf konkrete betriebliche Fragestellungen konzentriert, zeigte auch der Digital Logistics Award 2026. Mehr als 30 Start-ups aus sechs Ländern hatten sich beworben, sieben Finalisten präsentierten ihre Lösungen beim Zukunftskongress.
„Der Digital Logistics Award macht sichtbar, was möglich wird, wenn innovative Ideen, digitale Technologien und starke Partnerschaften zusammenkommen. Als Digital Logistics Hub Dortmund wollen wir genau diesen Wandel vorantreiben – und gemeinsam mit unseren Partnern die Logistik von morgen gestalten: digital, nachhaltig und international wettbewerbsfähig“, sagt Maria Beck, Hub-Managerin des Digital Hub Logistics in Dortmund.
Den ersten Platz erhielt das Dortmunder Start-up Cargovibe. Das Unternehmen entwickelt einen digitalen Beifahrer, der Lkw-Fahrern während ihrer Tour Informationen und Unterstützung zur Verfügung stellt und damit Kommunikationsaufwand und Betriebsstörungen reduzieren soll. Auf Rang zwei kam SLAPStack mit einer KI-gestützten Lösung, die durch 3D-Vermessung, Live-Tracking und Routenplanung Transparenz über Stapler, Paletten und Lagerbestände schaffen soll. Den dritten Platz belegte das Schweizer Intralogistik-Start-up Hadros mit einer Robotikplattform für autonome Kommissionierroboter in bestehenden Brownfield-Lagern.
Effizienz bleibt wichtig, reicht aber nicht mehr
Die Dortmunder Gespräche machen damit einen grundlegenden Wandel sichtbar. Die Logistik muss weiterhin wirtschaftlich arbeiten, doch die eindimensionale Optimierung auf Kosten und Geschwindigkeit stößt unter volatilen Rahmenbedingungen an Grenzen. Resilienz, Nachhaltigkeit und technologische Souveränität werden zu zusätzlichen Kriterien für Investitions- und Beschaffungsentscheidungen.
Das führt zwangsläufig zu Zielkonflikten. Mehr Lagerbestand kann Versorgungssicherheit schaffen, bindet aber Kapital. Regionale Beschaffung kann Abhängigkeiten reduzieren, gleichzeitig jedoch höhere Kosten verursachen. KI kann die Produktivität erhöhen und fehlende Arbeitskräfte teilweise kompensieren, gleichzeitig entstehen möglicherweise neue Abhängigkeiten von Software, Recheninfrastruktur und Technologieanbietern. Genau diese Zielkonflikte werden künftig stärker die Planung logistischer Systeme bestimmen.
Die entscheidende Größe wird deshalb Handlungsfähigkeit. Eine leistungsfähige Lieferkette muss nicht jede Störung vorhersagen können. Sie muss so konstruiert sein, dass sie auf unerwartete Veränderungen reagieren kann. Dafür stehen viele technische Bausteine bereits bereit. Die anspruchsvollere Aufgabe liegt nun darin, KI, Robotik, digitale Zwillinge, offene Datenstrukturen und resiliente Supply-Chain-Konzepte miteinander zu verbinden und in den betrieblichen Alltag zu übertragen. Genau darin könnte sich entscheiden, wie gut Unternehmen auf eine Krise reagieren, deren Verlauf heute noch niemand kennt.


