BU: Digitalisierung der Logistik: Bitkom zeigt, wie KI, Robotik und Fachkräftemangel die Branche verändern und warum Know-how zum Engpass wird.

Digitalisierung der Logistik wird zunehmend zur Antwort auf Probleme, die mit Software zunächst wenig zu tun zu haben scheinen. Niedrige Pegelstände auf dem Rhein, geopolitische Konflikte, steigende Energiepreise und fehlende Fachkräfte erhöhen den Druck auf Transport- und Lieferketten. Unternehmen müssen schneller umplanen, Kapazitäten anders verteilen und auf Störungen reagieren. In dieser Situation richtet sich der Blick verstärkt auf künstliche Intelligenz, vernetzte Systeme und Robotik.

Wie weit die Branche dabei tatsächlich ist, hat Bitkom Research in einer repräsentativen Untersuchung ermittelt. Befragt wurden 502 Logistikunternehmen in Deutschland mit mindestens 20 Beschäftigten. Die computergestützten Telefoninterviews fanden zwischen der 26. und 31. Kalenderwoche 2026 statt. Gesprächspartner waren Geschäftsführungen, Vorstände oder zentrale Funktionen mit Verantwortung für digitale Technologien.

Vorgestellt wurden die Ergebnisse am 10. September von Bitkom-Vizepräsidentin Dr. Tanja Rückert. Die Ausgangslage ist widersprüchlich: Einerseits steht die Branche unter erheblichem wirtschaftlichem Druck, andererseits sind Investitionsbereitschaft und Erwartungen an digitale Technologien hoch.


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Digitalisierung der Logistik wird vom Kosten- und Fachkräftedruck getrieben

Die Liste der aktuellen Probleme beginnt bei den Kosten. Sämtliche befragten Unternehmen nennen hohe Energiepreise als Herausforderung. 87 % verweisen auf den Fachkräftemangel, 71 % auf Unterbrechungen der Lieferketten. Bürokratie folgt mit 59 %, geopolitische Krisen und internationale Konflikte erreichen 54 %.

Dass Digitalisierung selbst nur noch von 42 % als große Herausforderung genannt wird, gegenüber 52 % im Jahr 2022, interpretierte Rückert auf der Pressekonferenz nicht als nachlassende Bedeutung. Vielmehr werde Digitalisierung zunehmend von der Herausforderung zur Antwort auf andere Probleme. Digitale Systeme könnten Transparenz schaffen, Warenströme flexibler machen und vorhandene Kapazitäten effizienter einsetzen.

„Die Logistik ist das Rückgrat unserer Wirtschaft. Wenn Lieferketten stocken und Kosten steigen, bekommen das Industrie, Handel und Verbraucherinnen und Verbraucher unmittelbar zu spüren. Digitalisierung ist deshalb kein Nice-to-have, sondern die wichtigste Antwort auf diese Herausforderungen: Digitalisierung hilft, Engpässe früher zu erkennen, Warenströme flexibler zu steuern, Beschäftigte zu entlasten und Kapazitäten effizienter zu nutzen“, sagte Bitkom-Vizepräsidentin Dr. Tanja Rückert bei der Vorstellung der Studienergebnisse.

Die grundsätzliche Haltung der Unternehmen ist eindeutig: 91 % betrachten Digitalisierung als Chance, lediglich 7 % eher als Risiko. Kein befragtes Unternehmen spricht digitalen Technologien jeglichen Einfluss auf das eigene Geschäft ab.


Digitalisierung der Logistik

Digitale Technik soll Lieferketten transparenter machen

Die Erwartungen beschränken sich nicht auf niedrigere Kosten. 66 % der Unternehmen nennen eine höhere Transparenz der Lieferketten als wesentlichen Vorteil digitaler Anwendungen, 64 % einen besseren Kundenservice. 60 % erwarten geringere Umweltbelastungen und 58 % Zeitersparnisse. 56 % verbinden Digitalisierung mit attraktiveren Arbeitsplätzen, 55 % mit besseren Entscheidungsgrundlagen und einer geringeren Fehler- und Ausfallanfälligkeit.

Bemerkenswert ist allerdings die Diskrepanz zwischen Selbstbild und Einschätzung des Standorts Deutschland. 49 % sehen das eigene Unternehmen als digitalen Vorreiter, weitere 7 % sogar an der Spitze. Beim Blick auf die deutsche Logistik insgesamt schwindet dieser Optimismus. Nur 18 % ordnen Deutschland im internationalen Vergleich der Spitzengruppe zu, 51 % lediglich dem Mittelfeld. Ein Viertel sieht die Branche unter den Nachzüglern, weitere 4 % sogar abgeschlagen.

Das wirft die Frage auf, was die Transformation bremst.


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Know-how ist ein größeres Hindernis als fehlendes Geld

An erster Stelle steht nicht das Budget. 73 % der Unternehmen nennen fehlende Fachkräfte beziehungsweise mangelndes Know-how als Hemmnis für den Einsatz digitaler Anwendungen. Sorgen um IT- und Datensicherheit folgen mit 58 %, fehlende Zeit im Alltagsgeschäft mit 57 %. Fehlende marktfähige Lösungen erreichen 55 %, fehlende externe Beratung 54 % und mangelnde Datenverfügbarkeit 52 %. Erst danach folgen fehlende finanzielle Mittel mit 48 %.

Der Befund bekommt zusätzliches Gewicht, weil Personal bereits heute knapp ist. 64 % der Unternehmen fehlen Zustellerinnen und Zusteller, 55 % Fahrerinnen und Fahrer sowie 53 % Disponenten. 49 % suchen IT-Fachkräfte, 48 % Lager-Fachkräfte. Lediglich 4 % geben an, aktuell keinen Fachkräftemangel zu haben.

Digitalisierung dürfte dieses Problem nicht einfach beseitigen, sondern die benötigten Qualifikationen verschieben. Besonders deutlich zeigt sich das bei IT-Fachkräften. 47 % rechnen bis 2035 mit einem steigenden Bedarf, lediglich 13 % mit einem Rückgang. Bei Fahrern, Lager- und Vertriebsfachkräften erwarten dagegen mehr Unternehmen einen sinkenden als einen steigenden Bedarf.

„Der Fachkräftemangel bremst die Digitalisierung – und macht sie zugleich umso dringender. Digitale Technologien helfen, knappe personelle Ressourcen gezielter einzusetzen und Abläufe flexibler zu steuern. Entscheidend ist, Beschäftigte für die neuen Anforderungen zu qualifizieren“, sagte Rückert.


Digitalisierung der Logistik

KI in der Logistik hat ihren Einsatz mehr als verdoppelt

Besonders dynamisch entwickelt sich künstliche Intelligenz. Cloud Computing ist mit 61 % zwar derzeit noch die am häufigsten eingesetzte Technologie. KI erreicht aber bereits 51 %, IoT und Sensortechnik 54 %. Warehouse-Management-Systeme kommen auf 47 %, digitale Marktplätze auf 46 % sowie Big Data und Analytics auf 39 %. Digitale Zwillinge sind mit 23 %, Robotik und autonome Transportsysteme mit 17 %, intelligente Regale mit 15 % und Drohnen mit 8 % bislang weniger verbreitet.

Der Vergleich mit 2022 zeigt die Geschwindigkeit der Entwicklung. Damals setzten erst 22 % der Unternehmen KI ein, heute sind es 51 %. Weitere 22 % planen konkrete Anwendungen, 14 % diskutieren darüber. Damit beschäftigt KI mittlerweile 87 % der befragten Logistikunternehmen.

Die Erwartungen bleiben dennoch von Skepsis begleitet. 57 % gehen davon aus, dass KI interne Prozesse kostengünstiger abwickeln kann, 55 % sehen die Technologie als Mittel gegen den Fachkräftemangel. Gleichzeitig meinen 58 %, KI werde niemals so gut sein wie eine ausgebildete Logistikfachkraft. Immerhin 30 % halten KI in der Logistik für einen Hype, der wieder vorübergehen werde.

Rückert widerspricht dieser Einschätzung: „KI ist hier, um zu bleiben und wird künftig zum festen Bestandteil von Logistikprozessen, etwa in der Routen- und Bedarfsplanung, aber auch in der Steuerung von Robotern und autonomen Fahrzeugen. Mit Lizenzen für KI-Werkzeuge ist es aber nicht getan, sonst zahlt man viel Geld für Tokens und erreicht wenig. Die Beschäftigten müssen KI-Anwendungen auch verstehen und sicher einsetzen können“, sagte die Bitkom-Vizepräsidentin.

Genau an dieser Stelle zeigt die Untersuchung eine Lücke. 54 % fehlt nach eigener Einschätzung die Expertise, KI in die eigenen Logistikprozesse einzubinden. Zwar bieten 73 % KI-Schulungen an, doch lediglich 8 % beziehen alle Beschäftigten ein. 31 % schulen einen Großteil, 34 % ausgewählte Mitarbeiter. Ein Viertel verzichtet bislang vollständig auf entsprechende Schulungen.


Digitalisierung der Logistik

Robotik überzeugt technisch, aber noch nicht wirtschaftlich

Bei Robotern und autonomen Transportsystemen tritt ein ähnlicher Widerspruch zutage. 68 % der Befragten gehen davon aus, dass Roboter Logistikprozesse effizienter machen können. 66 % erwarten mehr Arbeitssicherheit. Für 55 % wird sich der Fachkräftemangel ohne Roboter nicht lösen lassen.

Dem stehen erhebliche Vorbehalte gegenüber. 51 % erklären, Robotik rechne sich für das eigene Unternehmen finanziell nicht. Genauso viele berichten von einer skeptischen Haltung ihrer Beschäftigten.

„Der Fachkräftemangel ist inzwischen ein zusätzlicher Treiber der Automatisierung. Damit Roboter in der Logistik flächendeckend zum Einsatz kommen, müssen sie Beschäftigte spürbar entlasten, sich effizient in komplexe Prozesse integrieren lassen und sich wirtschaftlich rechnen“, sagte Rückert.

Damit liegt die Hürde weniger in der grundsätzlichen Anerkennung der Technologie als in ihrer Überführung in belastbare Geschäftsmodelle und bestehende Prozesslandschaften.


Digitalisierung der Logistik

Unternehmen erhöhen ihre Digitalinvestitionen

Trotz des schwierigen wirtschaftlichen Umfelds fließt erhebliches Kapital in die Transformation. 40 % der Unternehmen investieren 2026 zwischen 5 % und weniger als 10 % ihres Jahresumsatzes in Digitalisierung. Weitere 21 % geben 10 % oder mehr aus. Lediglich 3 % verfügen über kein Digitalisierungsbudget. Für 2027 planen 42 % steigende Investitionen, während 45 % ihr Niveau halten wollen. 11 % rechnen mit sinkenden Ausgaben.

„Die Unternehmen wissen, wie wichtig die Digitalisierung gerade in einem schwierigen Marktumfeld ist. Diese strategische Bedeutung spiegelt sich auch in den Budgets wider“, sagte Rückert.


Digitalisierung der Logistik

Logistik 2036: KI steuert Lieferketten, humanoide Roboter arbeiten im Lager

Wie tiefgreifend die Unternehmen den Wandel einschätzen, zeigt ihr Blick auf das Jahr 2036. 69 % erwarten, dass KI dann große Teile der Lieferketten in Echtzeit steuert. 68 % rechnen mit Lieferketten, die auch für Endkunden vollständig transparent und digital nachvollziehbar sind. Und 59 % gehen davon aus, dass in Lagerhallen überwiegend humanoide Roboter arbeiten.

Auch die letzte Meile könnte sich verändern. 59 % erwarten, dass Waren per Drohne zum Endkunden gelangen. 56 % rechnen mit situationsabhängigen Lieferungen an den jeweiligen Aufenthaltsort des Empfängers, 52 % mit einer breiten Nutzung autonomer Lieferroboter. 45 % halten sogar die Warenübergabe durch humanoide Roboter im Jahr 2036 für verbreitet.

Die Zahlen zeigen damit weniger eine geradlinige technologische Entwicklung als ein Spannungsfeld. Die Branche erkennt in Digitalisierung, KI und Robotik Instrumente, um Lieferketten transparenter zu machen, Personalengpässe abzufedern und auf Störungen schneller zu reagieren. Gleichzeitig fehlen vielerorts Kompetenzen, Zeit und geeignete Lösungen. Bei Robotik kommen Zweifel an Wirtschaftlichkeit und Akzeptanz hinzu.

Gerade der Sprung der KI-Nutzung von 22 % auf 51 % innerhalb von vier Jahren zeigt jedoch, wie schnell sich solche Verhältnisse verändern können. Die zentrale Herausforderung der kommenden Jahre dürfte deshalb nicht allein darin bestehen, weitere digitale Technologien verfügbar zu machen. Entscheidend wird sein, das notwendige Know-how in den Unternehmen aufzubauen und aus einzelnen Anwendungen verlässlich integrierte Prozesse zu entwickeln. Denn an Investitionsbereitschaft mangelt es der Logistik nach den Ergebnissen der Bitkom-Studie deutlich weniger als an den Kompetenzen, mit denen sich diese Investitionen produktiv einsetzen lassen.