BU: Prof. Johannes Fottner, Leiter des Lehrstuhl für Fördertechnik Materialfluss Logistik an der TU München. Foto: Montage, unter anderem mit Bildmaterial der TU München

Herr Prof. Fottner, die Logistikbranche spricht derzeit intensiv über humanoide und kollaborative Robotik. Aus wissenschaftlicher Sicht: Wo endet aus Ihrer Perspektive kurzfristig der sinnvolle Einsatz humanoider oder menschenähnlicher Robotik in der Logistik – und wo beginnt derzeit eher technologischer Aktionismus statt belastbarer industrieller Anwendung? Welche Entwicklungen halten Sie in den nächsten drei bis fünf Jahren für realistisch, welche bewusst für überschätzt?

Die Intralogistik befindet sich aktuell in einem sehr großen Spannungsfeld: Dazu zählen steigende Leistungsanforderungen, zunehmende Variantenvielfalt, anhaltender Fachkräftemangel und der Wunsch nach höherer Resilienz. Humanoide Robotik ist ein gutes Beispiel dafür, wie technologische Faszination und industrielle Einsatzreife auseinanderfallen.

Was kurzfristig realistisch ist sindFortschritte bei Greifähigkeit, Bewegungskoordination und sensorischer Rückkopplung sind bei humanoiden Systemen klar erkennbar. Perspektivisch könnten solche Systeme insbesondere dort relevant werden, wo hochvariable, manuelle Tätigkeiten dominieren und klassische Automatisierung an ihre Grenzen stößt – etwa im flexiblen Kommissionieren unstrukturierter Güter. Das ist jedoch ein mittel- bis langfristiger Horizont.

Kurzfristig valide sind dagegen AMR, die heute bereits als industriell einsetzbare Systembausteine entwickelt sind: Die Fortschritte in der Sensorik, Umfeldwahrnehmung und Navigationslogik ermöglichen heute den stabilen Einsatz auch in dynamischen, gemischten Umgebungen.

Es ist aber auch die Zeit des Aktionismus.Viele humanoide Demonstratoren beeindrucken auf der Messe, bestehen aber den industriellen Belastungstest nicht. Taktzeiten, Verfügbarkeit und Wartbarkeit im 24/7-Betrieb sind noch keine Stärken dieser Plattformen. Ob dabei ein menschenähnliches Aussehen und Bewegungsablauf – also die vollständige Nachbildung des Menschen – wirklich notwendig ist oder überhaupt Vorteile bietet, gilt es zu diskutieren.

Für die nächsten drei bis fünf Jahre halte ich die konsequente Weiterentwicklung bewährter Systeme für deutlich belastbarer als den flächendeckenden Einsatz vollhumanoider Plattformen im operativen Betrieb. Auf der LogiMAT erwarte ich, dass der Abstand zwischen Demonstrator und Produktivsystem bei humanoiden Systemen noch klar erkennbar sein wird.


Weitere Informationen zum Thema Logistik allgemein: Sensorik in der Intralogistik: Wie Bilderfassung und Datenfusion Materialflüsse transparenter machen


Automatisierung wird oft als Antwort auf Fachkräftemangel positioniert. Beobachten Sie in Forschung und Praxis bereits einen grundlegenden Paradigmenwechsel hin zu radikal vereinfachten, robusten Automatisierungslösungen – oder laufen wir Gefahr, hochkomplexe Systeme zu bauen, die neue Abhängigkeiten und Qualifikationslücken erzeugen? Welche Rolle spielen dabei Hochschulen in der Qualifizierung künftiger Logistikingenieure und Ingenieurinnen?

Tatsächlich gibt es einen Paradigmenwechsel, aber mit Einschränkungen. Ich beobachte einen realen Wandel hin zu wirtschaftlich skalierbaren, modular erweiterbaren Lösungen. Besonders für mittelständische Anwender gewinnen modulare Skalierbarkeit, einfache Erweiterbarkeit und hohe Flexibilität im Einsatz an Bedeutung. Das schafft Investitionssicherheit – und reduziert die Abhängigkeit von hochspezialisierten Fachkräften im laufenden Betrieb.

Doch weder AMR noch KI noch humanoide Robotik sind Allheilmittel für strukturelle Prozessdefizite, unklare Zielsysteme oder mangelnde Datenqualität. Wer komplexe Automatisierungsprojekte aufsetzt, ohne die Datenbasis, die Prozessarchitektur und die Qualifikation der Belegschaft mitzudenken, riskiert neue Abhängigkeiten anstelle von Entlastung. Technologischer Mehrwert entsteht erst im Zusammenspiel mit sauber gestalteten Prozessen, qualifiziertem Personal und realistischen Erwartungen.

Genau in diesem Punkt sehe ich eine klare Verantwortung für Hochschulen: Wir müssen Logistikingenieur:innen ausbilden, die nicht nur Technologien einsetzen, sondern Systemgrenzen beurteilen und Automatisierungsentscheidungen auf Basis realistischer Leistungserwartungen treffen können. Das bedeutet: Prozessverständnis und Datenkompetenz gleichwertig neben Technologiewissen – und ein kritisches Urteil darüber, wann Automatisierung die richtige Antwort ist und wann nicht.

KI gilt als Schlüsseltechnologie für Prognosen, Steuerung und Optimierung logistischer Systeme. Reden wir aktuell von der KI als operatives Werkzeug oder von einer strategischen Illusion? Welche Formen von KI erwarten Sie erstmals sichtbar auf der LogiMAT 2026?

KI in der Logistik ist beides – je nachdem, unter welchen Voraussetzungen sie eingesetzt wird. Ich sehe aber eine wichtige Verschiebung: Der Fokus hat sich von visionären Szenarien hin zu bereits produktiv genutzten Lösungen verschoben. Das ist ein gutes Zeichen.

Belastbare, produktive KI-Anwendungen sind heute

  • Dynamische Priorisierung von Aufträgen und adaptive Ressourcenzuweisung in WMS-nahen Systemen
  • Prognose von Durchlaufzeiten und frühzeitige Identifikation potenzieller Engpässe
  • Predictive Maintenance: Kontinuierliche Analyse von Betriebsdaten, laufende Anpassung von Steuerungsparametern und zustandsbasierte Wartungsplanung
  • Kontinuierliche Prozessoptimierung durch datengetriebene Verfahren – Effizienzgewinne nicht durch Einzelmaßnahmen, sondern durch viele kleine, laufende Verbesserungen

Bemerkenswert: Solche Ansätze sind längst nicht mehr auf Großkonzerne beschränkt. Auch im Mittelstand kommen KI-Methoden zum Einsatz – häufig eingebettet in Standardsoftware und oft ohne explizite Kennzeichnung als KI.

Strategische Illusion entsteht dort, wo KI ohne saubere Datenbasis, ohne klare Prozessdefinition und ohne realistisches Zielsystem eingesetzt wird. Die Gefahr besteht, einzelne Technologien als universelle Lösung zu überhöhen. Technologischer Mehrwert entsteht erst im Zusammenspiel – nicht durch die Technologie allein.

Ich erwarte daher, dass KI auf der kommenden LogiMAT weniger als Zukunftsvision, denn als integrierter Bestandteil von Steuerungs- und Planungssystemen präsentiert wird. Die entscheidende Frage wird sein: Wer zeigt echte Produktivdaten aus dem laufenden Betrieb – und wer bleibt bei der Messe-Demo?


Weitere Informationen zum Thema Logistik allgemein: Logistiktrends 2026: Wie Regulierung, KI und Robotik das operative System neu ordnen


Wo sehen Sie aktuell die größten Herausforderungen bei der Systemintegration?

Systemintegration ist eine der zentralen Herausforderungen der aktuellen Automatisierungswelle. AMR werden zunehmend als Teil ganzheitlicher Materialflusssysteme verstanden – eng angebunden an WMS und WCS, koordiniert über übergeordnete Leit- und Orchestrierungsebenen oder IoT-Plattformen. Das ist die richtige Richtung. Der Weg dorthin ist in vielen Betrieben jedoch noch weit.

Die größten systemischen Brüche liegen nach meiner Meinung

  • zwischen Planungswelt und IT: Physische Layoutplanung, Durchsatzmodelle und IT-Architektur kommunizieren zu spät und zu selten miteinander
  • zwischen Automatisierungsebene und ERP/WMS: Echtzeit-Anforderungen der Förder- und Robotiktechnik prallen auf transaktionale Systemlogik
  • zwischen Inbetriebnahme und Betrieb: Systeme werden für Nennlast konzipiert – die operative Realität mit Schwankungen, Ausnahmen und manuellen Eingriffen folgt anderen Regeln

Die aktuellen technologischen Entwicklungen zeichnen sich weniger durch disruptive Umbrüche aus als vielmehr durch zunehmende technologische Reife, tiefere Integration in bestehende Systemlandschaften und eine stärkere Fokussierung auf wirtschaftliche Skalierbarkeit. Diese Logik gilt auch für die Systemintegration: Reife schlägt Spektakel.

Die Branche braucht daher offene Schnittstellen und Standardisierung auf Protokollebene. Diese sind Voraussetzung, keine Kür. Wer in Insellösungen investiert, zahlt den Preis bei der nächsten Systemerweiterung. Die LogiMAT wird zeigen, ob die Branche hier Fortschritte gemacht hat – oder ob proprietäre Ökosysteme weiterhin dominieren.

Hat die Logistik Ihrer Meinung nach aktuell eher ein Technologie- oder ein Datenproblem? Und welche Defizite werden aus Ihrer Sicht auf der LogiMAT sichtbar werden – offen oder eher zwischen den Zeilen?

Das ist eine Frage, bei der ich sehr klar Position beziehe: Die Logistik hat beides – ein Technologie- und ein Datenproblem. Aber das Datenproblem ist strukturell tiefgreifender, und es wird systematisch unterschätzt.

Technologischer Mehrwert entsteht erst im Zusammenspiel mit sauber gestalteten Prozessen, qualifiziertem Personal und realistischen Erwartungen an Leistungsfähigkeit und Wirtschaftlichkeit. Diese Aussage gilt für KI ebenso wie für Robotik und Automatisierungssysteme: Ohne verlässliche, konsistente und verfügbare Daten sind die leistungsfähigsten Algorithmen wertlos.

Auf der LogiMAT werden nach meiner Ansicht einige Defizite sichtbar sein

  • Offen sichtbar: Viele Systeme werden mit beeindruckenden Prognosepotentialen und Optimierungsversprechen präsentiert
  • Zwischen den Zeilen: Die Frage nach Datenherkunft, Datenqualität und den Anforderungen an die Datenbasis der eigenen IT-Landschaft bleibt auf Messen oft ungestellt
  • Kritische Frage an jeden Anbieter: Unter welchen Datenbedingungen funktioniert das System – und was passiert, wenn Stammdaten inkonsistent sind oder Bewegungsdaten Lücken haben?

Besonders im Bereich der kontinuierlichen Prozessoptimierung zeigt sich der Nutzen datengetriebener Verfahren – aber eben nur dort, wo Betriebsdaten systematisch erfasst und gepflegt werden. Das ist weniger eine technologische als eine organisatorische Leistung.

Woran werden Sie persönlich auf der kommenden LogiMAT erkennen, ob die Branche tatsächlich vor einem technologischen Sprung steht – oder ob bekannte Konzepte lediglich neu etikettiert werden? Gibt es Entwicklungen oder Exponate, bei denen Sie besonders genau hinschauen werden, weil sie aus wissenschaftlicher Sicht echte Relevanz haben könnten?

Die LogiMAT bietet nicht nur eine Bühne für Innovationen, sondern auch eine wichtige Gelegenheit zur Reflexion. Dieser Satz beschreibt sehr genau genau, wie ich die Messe lesen werde: Nicht als Spektakel, sondern als Seismograf für den tatsächlichen Reifegrad der Branche.

Einen echten Technologiesprung erkenne ich an

  • Systemen, die nicht nur Funktionen demonstrieren, sondern Produktivkennzahlen aus realen Betrieben zeigen: Verfügbarkeit, Durchsatz, Amortisationszeiten
  • Lösungen, die konsequent auf wirtschaftliche Skalierbarkeit für den Mittelstand ausgelegt sind – nicht nur auf die Großanlage für den Pilotbetrieb
  • Integration als Standard: Anbieter, die offene Schnittstellen und modulare Architektur als selbstverständlich präsentieren – nicht als Sonderoption
  • KI-Anwendungen, die ihren Beitrag zur operativen Stabilität messbar belegen – nicht nur zur Effizienzsteigerung im Idealfall

Und worauf werden Sie besonders achten?

Ich werde besonders genau hinschauen, wie Anbieter das Thema Mensch-Roboter-Kollaboration adressieren: Nicht als Showeffekt, sondern als ergonomisch und sicherheitstechnisch durchdachte Lösung im Mischbetrieb. Und ich werde beobachten, ob humanoide Systeme den Schritt vom Demonstrator hin zum belastbaren Betriebsmittel glaubhaft kommunizieren können.

Das zentrale Kriterium bleibt unverändert: Erfolgreiche Intralogistik ist eine Frage der Systemarchitektur und der richtigen Anwendung – nicht der isolierten Technologie. Wer auf der LogiMAT 2026 dieses Verständnis in seinen Exponaten und Gesprächen verkörpert, hat aus wissenschaftlicher Sicht echte Relevanz.