BU: Vision‑Language‑Action‑Modell Cortex ermöglicht Zero‑Shot‑Handhabung: Roboter können neue Produkte sofort kommissionieren, ohne Programmieraufwand oder Testläufe. Foto: Sereact
Logistiktrends 2026 lassen sich kaum noch auf ein einzelnes Thema reduzieren. In vielen Unternehmen treffen in kurzer Zeit mehrere Veränderungen aufeinander, die unterschiedliche Ebenen betreffen und dennoch ineinandergreifen. Künstliche Intelligenz erreicht in der Logistik die operative Praxis und wird nicht mehr nur als Analysewerkzeug verstanden, sondern als Bestandteil laufender Prozesse. Gleichzeitig verschärft digitale Regulierung den Handlungsrahmen und zwingt zu standardisierten Datenstrukturen. Im Lager verschiebt sich das Automatisierungsbild: Mobile Robotik adressiert Engpässe dort, wo klassische Technik bislang unflexibel war, und generative Robotik verspricht neue Freiheitsgrade im Handling variabler Sortimente. Hinzu kommt, dass Nachhaltigkeit nicht mehr nur als Energiefrage erscheint, sondern als Bedingung für belastbare Transportketten und industrielle Wertschöpfung.
Die B2B-Kommunikationsagentur additiv hat diese Entwicklungen analysiert und die Tendenzen zusammengeführt, die 2026 maßgeblich prägen. Im Ergebnis wird deutlich, dass sich Logistik weniger über einzelne Projekte verändert, sondern über die Umstellung auf ein stärker integriertes, digital strukturiertes Betriebssystem.
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eFTI und digitale Regulierung: Der Rahmen wird verbindlich
Ein zentrales Signal kommt aus Brüssel. Mit der Verordnung über elektronische Frachtbeförderungsinformationen, kurz eFTI, definiert die EU einen verbindlichen Rahmen für den digitalen Austausch von Transportinformationen. Die zentralen Bestimmungen greifen seit August 2024 schrittweise. Bis Juli 2027 müssen Behörden elektronische Frachtinformationen akzeptieren, sofern diese über zertifizierte eFTI-Plattformen bereitgestellt werden.
Für Unternehmen bleibt die Nutzung formell freiwillig. Dennoch verändert eFTI den Erwartungshorizont: Kontrollen sollen effizienter werden, Informationen medienbruchfrei vorliegen, Systeme interoperabel sein. Damit rückt nicht nur die technische Fähigkeit zur Bereitstellung digitaler Dokumente in den Fokus, sondern auch die Frage nach einheitlichen Datenmodellen, standardisierten Schnittstellen und Plattformstrukturen, die den Austausch zwischen Unternehmen und Behörden überhaupt erst ermöglichen.
Vor diesem Hintergrund gewinnt die Open Logistics Foundation an Gewicht. Als branchenübergreifende Initiative bringt sie Unternehmen und Institutionen zusammen und plädiert für einen offenen technischen Rahmen, in dem Plattformen, Datenmodelle und Schnittstellen EU-weit vereinheitlicht werden können. Der Ansatz stützt sich auf gemeinschaftlich entwickelte Open-Source-Komponenten, um Abhängigkeiten zu reduzieren und zugleich Kompatibilität herzustellen.
Durch diese kollaborative Entwicklung kann die Umsetzung kompatibler eFTI-Plattformen und sogenannter eFTI-Gates erleichtert werden. Über solche Zugänge sollen Behörden künftig digital auf Transportinformationen zugreifen. Projekte wie die gemeinsame Entwicklung eines digitalen Frachtbriefs, des eCMR, zeigen bereits, wie Standards in der Praxis entstehen und wie Digitalisierung zunehmend als gemeinsamer Infrastrukturaufbau verstanden wird.
KI im Lagerbetrieb: Von der Analyse zur Entscheidungshilfe
Während eFTI und offene Standards den regulatorischen Rahmen setzen, verschiebt sich parallel die operative Logik im Lager. Künstliche Intelligenz wird 2026 in vielen Unternehmen nicht mehr nur für Prognosen oder Reporting eingesetzt, sondern greift in laufende Prozesse ein. Die Veränderung betrifft dabei weniger den Begriff „KI“ als die Art, wie Entscheidungen vorbereitet und getroffen werden. Statt starrer Regeln treten dynamische Modelle, die Prozessdaten auswerten, Muster erkennen und Empfehlungen ableiten.
Der WMS-Anbieter Logistics Reply zeigt diese Entwicklung mit GaliLEA Dynamic Intelligence. Die Lösung ermöglicht die Erstellung von KI-Agenten, die Prozessdaten analysieren, Anomalien identifizieren und Entscheidungen im laufenden Lagerbetrieb unterstützen. Eine visuelle No-Code-Oberfläche erlaubt es, komplexe Logiken aus Prompts, Tools, Modellen und Triggern abzubilden, ohne Programmierung.
Damit verschiebt sich die Arbeitsteilung: Was früher meist nur über individuelle Entwicklungsprojekte realisierbar war, können Fachanwender heute direkt konfigurieren. Die Agenten laufen parallel, lassen sich um ERP-, IoT- oder API-Daten erweitern und orchestrieren Aktionen systemübergreifend. Der Nutzen zeigt sich dort, wo frühzeitige Signale entscheidend sind, etwa wenn Produktivitätsrückgänge sichtbar werden, oder wenn zeitintensive Abläufe wie die Retourenprüfung deutlich beschleunigt werden sollen.
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Digitale Zwillinge im WMS: Echtzeitintelligenz als Systemfunktion
KI im operativen Alltag zeigt sich 2026 nicht nur in konfigurierbaren Agenten, sondern auch in der Systemarchitektur. Ein Beispiel ist PSI mit PSIwms AI. Die Lösung integriert den digitalen Zwilling direkt in das Warehouse Management System und macht ihn zur Grundlage für Analysen, Simulationen und Entscheidungen in Echtzeit. Jede Veränderung im physischen Lager fließt unmittelbar ins Modell ein und synchronisiert sich mit dem digitalen Abbild.
Damit wird der digitale Zwilling nicht zur nachgelagerten Visualisierung, sondern zur permanent aktualisierten Referenz. Prozesse lassen sich nicht nur rückblickend bewerten, sondern vorausschauend steuern. Ergänzend zeigt die angekündigte Erweiterung von PSIwms AI um einen Business Assistant, eine KI-gestützte Dokumentation und einen Konfigurationsassistenten, dass KI zugleich als Interface-Thema verstanden wird. Systeme sollen verständlicher werden, schneller steuerbar und transparenter. Entscheidungen beruhen zunehmend auf adaptiven Modellen statt auf Parametern, die einmal gesetzt und dann lange unverändert bleiben.


Generative Robotik: Zero-Shot-Handling im industriellen Umfeld
Robotiksysteme erreichen 2026 eine Reifephase, in der Automatisierung nicht mehr ausschließlich über starre Programmierung definiert wird. Stattdessen kommen KI-Modelle zum Einsatz, die Situationen interpretieren und Entscheidungen in Echtzeit ableiten. Das Stuttgarter Start-up Sereact verdeutlicht diesen Trend mit seinem Vision-Language-Action-Modell Cortex. Es wurde auf Grundlage von Hunderten Millionen realer Picks trainiert und ermöglicht Zero-Shot-Handhabung, bei der Roboter neue Produkte sofort kommissionieren können, ohne Programmieraufwand oder Testläufe.
Damit rücken Umgebungen in den Fokus, die bislang als zu variabel galten. Ergänzt wird Cortex durch die visuelle Intelligenz Lens, die Produkte in Echtzeit identifiziert, vermisst und prüft. Beide Systeme arbeiten synchronisiert und erzielen stabile Durchsatzraten von über 300 Picks pro Stunde, mit weitgehend autonomen Abläufen im Kommissionier- und Retourenhandling. Für Unternehmen stellt sich damit weniger die Frage nach dem „Ob“ von Automatisierung, sondern nach der Fähigkeit, Robotik in wechselnden Sortimenten wirtschaftlich stabil zu betreiben.
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Mobile Robotik im Fulfillment: Schwarmarchitektur statt Leitstand
Parallel zu KI-basierten Picksystemen steigt die Bedeutung mobiler Robotik, insbesondere in Zonen, in denen klassische Automatisierung an Grenzen stößt. SAFELOG adressiert Übergangsbereiche zwischen Pick, Konsolidierung und Verpackung, die im E-Commerce-Fulfillment häufig Engpässe verursachen. Die Fahrzeuge arbeiten in einer agentenbasierten Schwarmarchitektur ohne zentralen Leitstand.
Modelle wie GT1, das Regale flexibel bewegt, oder XS1, das Hochgeschwindigkeitsstrecken zwischen Pickport und Packstation bedient, lassen sich in bestehende Layouts integrieren, auch in gewachsenen Strukturen oder mehrstöckigen Umgebungen. Unterstützt wird diese Flexibilität durch Standards wie VDA 5050, die als herstellerübergreifende Kommunikationsschnittstelle für mobile Transportfahrzeuge eine Voraussetzung für skalierbare Flotten bildet. Damit verschiebt sich die Umsetzung von Automatisierung: weniger als einmaliger Umbau, stärker als modulare Ergänzung bestehender Betriebsrealität.
Nachhaltigkeit und E-Fuels: Energie wird zur Logistikfrage
Während Robotik und KI den Lagerbetrieb verändern, tritt 2026 parallel die Frage nach energie- und klimatechnisch tragfähigen Transportketten stärker in den Vordergrund. In dem Maße, wie Systeme digitaler und vernetzter werden, wächst die Bedeutung ihrer infrastrukturellen Basis. Hier gewinnen alternative Energieträger und E-Fuels strategische Bedeutung.
Der Kompressoren- und Druckluftspezialist BOGE zeigt in diesem Umfeld, wie Industrie und Logistik künftig enger zusammenarbeiten könnten. Das Pilotprojekt Haru Oni in Chile nutzt erneuerbare Energie aus Windkraft, um synthetischen Kraftstoff zu erzeugen, der sich in bestehenden Transportflotten einsetzen lässt. BOGE liefert dafür zentrale Technologien, darunter Druckluft- und Stickstoffsysteme sowie eine Lösung zur Speicherung und Verdichtung von CO₂.
Das Projekt verweist auf eine Entwicklung, bei der Maschinenbaukompetenz, Prozessführung und Logistikanforderungen zusammengeführt werden. Wenn E-Fuels künftig in größerem Maßstab verfügbar sind, könnten sie insbesondere dort eingesetzt werden, wo Diesel im Schwerlast- oder Spezialtransport bislang schwer ersetzbar bleibt. Damit wird Nachhaltigkeit im Transport weniger über einzelne Maßnahmen definiert, sondern über die Fähigkeit, Energiepfade technologisch und organisatorisch abzusichern.
Plattformsteuerung statt fester Routen: Fähigkeitsbasierte Logik setzt sich durch
Eine weitere Veränderung betrifft die Steuerung innerbetrieblicher Transporte. Die zunehmende Heterogenität aus autonomen Robotern, manuellen Fahrzeugen und standortübergreifenden Flotten macht flexible, standardbasierte Softwarearchitekturen notwendig. SYNAOS steht exemplarisch für diesen Trend.
Die Intralogistics Platform verbindet manuelle und autonome Transportmittel in einem System, das Aufträge in Echtzeit nach Fähigkeiten, Position und Verfügbarkeit verteilt. Der fähigkeitsbasierte Ansatz ersetzt feste Prozessrouten durch ein dynamisches Netzwerk, das kontinuierlich auf veränderte Bedingungen reagiert und optimiert wird. Transportmittel werden nicht mehr starr eingeplant, sondern situativ eingesetzt, abhängig davon, welches Fahrzeug den Auftrag am schnellsten, effizientesten oder passend zur Aufgabe ausführen kann.
Durch offene Schnittstellen wie VDA 5050 lassen sich Flotten hersteller- und standortübergreifend skalieren. Unternehmen gewinnen damit Flexibilität, Materialflüsse zu gestalten, Kapazitäten besser auszuschöpfen und heterogene Systeme auf einer gemeinsamen Plattform zusammenzuführen. In Kombination mit Simulationen, die Effizienz und Flexibilität bewerten können, wird softwaredefinierte Steuerung zu einem Fundament für wandlungsfähige Logistiknetzwerke.
Logistiktrends 2026 als Systemfrage
Die beschriebenen Entwicklungen treten 2026 nicht nacheinander auf, sondern parallel. Regulierung schafft verbindliche digitale Grundlagen. KI unterstützt Entscheidungen im operativen Alltag. Robotiksysteme werden leistungsfähiger und flexibler nutzbar. Fulfillment-Prozesse verschieben sich in Richtung modularer Automatisierung. Alternative Energieträger gewinnen strategische Bedeutung für Transportketten. Plattformarchitekturen ersetzen starre Materialflusslogik.
Der gemeinsame Nenner ist der Übergang von Einzellösungen zu Systementscheidungen. Technologien werden weniger als isolierte Investitionen behandelt, sondern als Bausteine eines zusammenhängenden Betriebsmodells, das Daten, Automatisierung, Steuerung und Energiefragen miteinander verknüpft.
Über additiv
additiv berät Start-ups, Mittelständler und Konzerne im B2B rund um die Kommunikation ihrer erklärungsbedürftigen Produkte und Dienstleistungen. Strategisch und kanalübergreifend geplanter Content entlang der gesamten Buyer’s Journey verkauft die komplexen Technologien aus Logistik, Maschinenbau, Robotik, Industrie, IT und Werkstofftechnik. Mit Sales Enabling Content unterstützt additiv Unternehmen dabei, Interessenten zu Leads mit echtem Kaufpotenzial auszubilden – und liefert so dem Vertrieb qualifizierte Anfragen für beschleunigte Abschlüsse. 1998 in Montabaur als additiv pr gegründet, hat die Agentur heute mehr als 30 Mitarbeiter:innen mit Spezialisierungen auf PR, Fach- und Wirtschaftspressearbeit, Content Marketing, Social Media, SEO, KI und Video. Mehr Infos gibt es unter additiv.de.




