BU: Autonome mobile Roboter übernehmen in modernen Intralogistikzentren zunehmend Transport- und Materialflussaufgaben. Die neue Ausgabe der „FTS-Fibel“ beschreibt, wie sich klassische fahrerlose Transportsysteme zu offenen Plattformen der mobilen Robotik entwickeln.
Mobile Robotik in der Intralogistik hat sich in den vergangenen Jahren von einem spezialisierten Technologiefeld zu einem zentralen Thema industrieller Automatisierung entwickelt. Was früher vor allem unter dem Begriff „Fahrerlose Transportsysteme“ zusammengefasst wurde, umfasst heute ein deutlich breiteres Spektrum aus AMRs, AGVs, Flottenmanagementsoftware, Sicherheitsarchitekturen und KI-gestützten Funktionen. Parallel dazu verändern sich die Erwartungen der Anwender. Gefragt sind nicht mehr nur einzelne Fahrzeuge, sondern flexible Systeme, die sich in bestehende Produktions- und Logistikprozesse integrieren lassen.
Diese Entwicklung bildet den Hintergrund für die fünfte Auflage der bekannten „FTS-Fibel“, die künftig unter dem Titel „Mobile Robotik in der Intralogistik“ erscheint. Für Dr. Günter Ullrich ist diese Umbenennung keine kosmetische Entscheidung, sondern Ausdruck eines grundlegenden Wandels innerhalb der Branche. Der Geschäftsführer der Forum-FTS GmbH beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit fahrerlosen Systemen und hat die Entwicklung von den frühen FTS-Anwendungen bis zu heutigen Robotikplattformen begleitet.
Vom Fachbuch zur Branchenreferenz
Als Dr. Günter Ullrich 2010 mit der ersten Auflage begann, fehlte nach seiner Einschätzung ein umfassendes deutschsprachiges Grundlagenwerk zum Thema FTS. Die Idee war zunächst vergleichsweise pragmatisch: Technik, Planung, Anwendungen und historische Entwicklung der Systeme sollten erstmals gebündelt beschrieben werden. Das Buch richtete sich dabei nicht nur an Techniker oder Entwickler, sondern ebenso an Entscheider, Planer und Anwender.
Mit den Jahren entwickelte sich die Fibel jedoch zu weit mehr als einer technischen Einführung. Besonders im akademischen Umfeld gewann das Werk an Bedeutung. Ullrich beschreibt, dass sich zahlreiche Bachelor- und Masterarbeiten im Bereich mobile Robotik inzwischen auf die Inhalte der Fibel beziehen. Gerade diese Verbindung zwischen industrieller Praxis und wissenschaftlicher Ausbildung habe dazu beigetragen, dass das Buch innerhalb der Branche eine besondere Stellung einnimmt.
Gleichzeitig wurde deutlich, wie schnell sich das Themenfeld verändert. Neue Anbieter drängen in den Markt, Technologien entwickeln sich weiter und auch die Begriffswelt verschiebt sich kontinuierlich. Aus fahrerlosen Transportsystemen werden autonome mobile Roboter, aus klassischen Leitsteuerungen entstehen offene Plattformen mit standardisierten Schnittstellen.
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Mobile Robotik in der Intralogistik: Warum VDA 5050 die Branche verändert
Ein zentraler Treiber dieser Entwicklung ist die Schnittstelle VDA 5050. Sie definiert die Kommunikation zwischen Fahrzeugen und Leitsteuerungen und verändert damit die Architektur kompletter Intralogistiksysteme. Während früher häufig komplette Anlagen aus einer Hand beschafft wurden, entstehen heute zunehmend modulare Strukturen.
Unternehmen können eine Flottenmanagementsoftware auswählen und diese anschließend mit Fahrzeugen verschiedener Hersteller kombinieren. Die klassische Bindung an einen einzelnen Systemanbieter löst sich damit schrittweise auf. Für Anwender bedeutet das mehr Flexibilität, gleichzeitig aber auch höhere Anforderungen an Integration und Systemverständnis.
Ullrich sieht darin einen tiefgreifenden Strukturwandel. Die mobile Robotik werde offener, zugleich aber auch komplexer. Genau deshalb, so seine Einschätzung, reiche es nicht aus, neue Technologien lediglich unter Innovationsgesichtspunkten zu betrachten. Begriffe wie KI, AMR oder Autonomie müssten kritisch eingeordnet werden – insbesondere mit Blick auf Wirtschaftlichkeit und reale Einsatzbedingungen.
Diese kritische Perspektive zieht sich als roter Faden durch die neue Auflage. Ullrich betont, dass sich hinter vielen aktuellen Schlagworten nicht automatisch praktikable Lösungen verbergen. Gerade in Projekten entstünden häufig überzogene Erwartungen, die später zu Problemen bei Planung und Umsetzung führen könnten.
Die Fabrik als dynamische Robotikumgebung
Ein Schwerpunkt der neuen Ausgabe liegt deshalb weniger auf einzelnen Navigationsverfahren oder Fahrzeugkonzepten als auf der Einbindung mobiler Robotik in moderne Produktions- und Intralogistikumgebungen. Ullrich beschreibt die Fabrik zunehmend als dynamische Umgebung, in der Fahrzeuge, Menschen, Software und Materialflüsse permanent miteinander interagieren.
Dabei verändert sich auch die Rolle der mobilen Systeme selbst. Während klassische FTS häufig klar definierten Routen folgten, bewegen sich moderne AMRs deutlich flexibler durch ihre Umgebung. Die technische Herausforderung besteht deshalb nicht mehr allein in der Fahrzeugnavigation, sondern in der intelligenten Verknüpfung unterschiedlichster Prozesse.
Für die Praxis bedeutet das neue Anforderungen an Planung und Betrieb. Unternehmen müssen nicht nur die Technik verstehen, sondern auch die Auswirkungen auf Abläufe, Sicherheitskonzepte und Organisation berücksichtigen. Genau an dieser Stelle sieht Ullrich die Aufgabe der Fibel: Orientierung in einer Branche zu geben, deren Entwicklungstempo kontinuierlich steigt.
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Warum sich die Sicherheitsfrage verschiebt
Besonders deutlich zeigt sich dieser Wandel beim Thema Sicherheitstechnik. In klassischen Intralogistikumgebungen arbeiten mobile Systeme in klar definierten Bereichen mit geschultem Personal. Hier kommen häufig zweidimensionale Laserscanner zum Einsatz, die auf einer festen Ebene Personen erkennen.
Nach Darstellung von Ullrich genügt dieses Konzept in vielen industriellen Anwendungen weiterhin den Anforderungen. In öffentlich zugänglichen Bereichen jedoch stoße diese Technik an Grenzen. Dort bewegen sich Menschen unvorhersehbar, häufig mit eingeschränkter Mobilität oder in Situationen, die sich nicht standardisieren lassen.
Als Beispiel nennt Ullrich Krankenhäuser. Eine ältere Patientin auf Krücken stelle völlig andere Anforderungen an die Umgebungserkennung als ein Mitarbeiter in einer Industriehalle. Ein zweidimensionaler Scanner könne eine dünne Krücke möglicherweise gar nicht sicher erfassen. Ähnliche Probleme ergeben sich bei Kindern oder Personen in ungewöhnlichen Körperhaltungen.
Für solche Szenarien seien neue Sensorkonzepte notwendig. Die Systeme müssten künftig dreidimensional erfassen, Situationen interpretieren und unterschiedliche Szenarien bewerten können. Damit verschiebt sich die Aufgabe der Robotik von der reinen Datenerfassung hin zur kontextbezogenen Interpretation.
Wenn Robotik den öffentlichen Raum erreicht
Genau aus dieser Entwicklung entsteht nun offenbar auch das nächste Buchprojekt von Ullrich und seinem Co-Autor Thomas Albrecht vom Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik IML. Während sich die bisherige FTS-Fibel auf innerbetriebliche Anwendungen konzentriert, soll das neue Projekt mobile Robotik in öffentlich zugänglichen Bereichen behandeln.
Damit rückt ein Feld in den Fokus, das derzeit stark diskutiert wird: autonome Systeme in Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen oder urbanen Räumen. Dort treffen Roboter auf Menschen, die nicht geschult sind und deren Verhalten sich nicht normieren lässt.
Nach Einschätzung von Ullrich reicht dafür die heutige Sicherheitstechnik vieler industrieller Anwendungen nicht aus. Künftig gehe es darum, komplexe Szenarien zu erkennen und angemessen darauf zu reagieren. Die Systeme müssten unterscheiden können, ob sich eine Menschengruppe nähert, ein Kind auf dem Boden krabbelt oder ein Hindernis nur temporär im Weg steht.
Damit gewinnt auch Software an Bedeutung. Robotiksysteme werden nicht mehr ausschließlich über geometrische Daten beschrieben, sondern zunehmend über Situationsverständnis. KI-Methoden könnten dabei helfen, Szenarien zu interpretieren und Entscheidungen abzuleiten.
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Zwischen industrieller Realität und technologischem Hype
Die Diskussion über humanoide Robotik und autonome Systeme wird derzeit von hohen Erwartungen begleitet. Ullrich betrachtet diese Entwicklung mit spürbarer Distanz. Zwar erkennt er das Potenzial neuer Technologien an, zugleich warnt er aber davor, industrielle Realität und Zukunftsvisionen miteinander zu vermischen.
Gerade in der Intralogistik gehe es weiterhin um robuste Prozesse, nachvollziehbare Sicherheitskonzepte und wirtschaftlich tragfähige Lösungen. Nicht jede technologische Möglichkeit eigne sich automatisch für den industriellen Alltag.
Die neue Ausgabe der FTS-Fibel versucht deshalb offenbar bewusst, zwischen technischer Innovation und praktischer Einordnung zu vermitteln. Dass das Werk inzwischen knapp 400 Seiten umfasst, zeigt dabei auch, wie stark sich die mobile Robotik in den vergangenen Jahren ausdifferenziert hat.
Die Branche steht damit an einem Punkt, an dem sich die Grenzen zwischen klassischer Fördertechnik, autonomer Robotik und digitalem Flottenmanagement zunehmend auflösen. Die Fabrikhalle bleibt zwar weiterhin der wichtigste Einsatzort. Doch die nächste Entwicklungsstufe der mobilen Robotik dürfte längst nicht mehr nur dort stattfinden.


